Cindy Sherman ist zweifellos eine Person mit vielen Gesichtern. Sie ist eine herausragende Künstlerin der inszenierten Fotografie. Vielleicht ist die große Resonanz ihrer Bilder darin zu sehen, dass kaum jemand weiß, wie sie wirklich aussieht und wer sie ist.

In der Kindheit fest verwurzelt, liegt die Leidenschaft der Kostümierung und Maskerade, denn bereits als kleines Mädchen begeisterte sie sich speziell für die hässlichen und finsteren Charaktere ihrer Lieblingsmärchen. Dennoch geht es ihr nicht um ein inneres Bedürfnis der Verkleidung, sondern um die Verwendung des eigenen Körpers. Diese Idee setzte sich durch skurrile Auftritte als Verkleidungskünstlerin fort, indem sie schon immer gerne in andere Rollen schlüpfte. Ihr Hobby war und ist noch immer der Flohmarkt, der ihr zu den unterschiedlichsten Accessoires verholfen hat. Partys waren früher ihre Chance, um sich zu kostümieren. Sie erschien als Schlampe oder als Business-Frau, wobei es ihr größter Spaß war, wenn ihre Freunde sie nicht erkannten.
Ihr Atelier ist voll mit Requisiten wie Masken, Hüte, Perücken und es ist auch mal ein künstlicher Busen oder ein Bein dabei.
Merkwürdig wird es, wenn man in die Schubladen blickt, aus denen Penisse und Vaginas, Plastikbeine und ein Uterus samt Fötus hervorkommen.

Dennoch möchte sie durch diesen Einsatz nicht schockieren, sondern nur “vorbereiten auf die Gewalt”.
In der Fotografie konnte sie ihre Idee der Kostümierung, indem sie den eigenen Körper einsetzte, in ihren Arbeiten umsetzen. Das Fotostudio wurde zur Bühne inszenierter Fotografie, ihr Körper zum Träger der Bildinhalte und dadurch zum künstlerischen Material.
Ihre Bilder sind nicht als Selbstportraits zu verstehen, auch wenn sie durch die Darstellung ihrer eigenen Person und der Art der Fotografie, portraithaft wirken. Vielmehr könnte man sie als Rollenspiel interpretieren, indem sie als Künstlerin lediglich ihren Körper als Material empfindet und dementsprechend benutzt und einsetzt.

Cindy Sherman – Darstellerin und Fotografin

Da sie sowohl Darstellerin als auch Fotografin ist, ist sie sowohl Objekt als auch Subjekt ihrer Arbeiten. Cindy Sherman wird dabei als Künstlerin selbst zum Bildgegenstand. Die Thematik ihrer Serien bezieht sich „vorwiegend auf die zeitgenössischen Rollenklischees der Frau, die mitsamt den dazugehörigen Emotionen präsentiert werden.“
Cindy Sherman stellt das Bild der Frau in einer männlich dominierten Gesellschaft in Frage und bindet unterschiedliche Frauenrolle an einzelne Werkphasen. In der Serie Untitled Film Stills spricht sie das Klischee der Frau der 50er/60er Jahre an während sie in der Serie History Portraits den Bezug zur Rolle der Frau in der Geschichte der Kunst, also Frauen als Modelle des Malers darstellt.
Dennoch ist sie keine Verfechterin des Feminismus, denn dieser hat Cindy Sherman nicht direkt inspiriert. Der Feminismus war lediglich in den 70ger Jahren immer präsent. Ihre Kunst ist eher organisch passiert, als dass es eine Bewusste Entscheidung war.

Weibliche Stereotypen unterschiedlicher Richtungen wie beispielsweise des Films in der Serie Untidled Film Stills, den Mittelseiten einer Illustrierten wie bei der Serie Centerfolds, der Werbung und klassischen Malerei wie bei der Serie Historie Potraits sind die Akteure ihrer Arbeiten.
Sie will, mit ihrer bis ins letzte Detail ausgearbeiteten Maskerade weiblicher Stereotypen, festgefahrene Strukturen demaskieren.
Jedoch ist keine der Figuren authentisch, da sie entweder aus der visuellen Kunst stammen, ein Vor-Bild zitieren, oder ein bestimmtes Rollenbild vertreten, das in der Literatur, dem Märchen oder dem Universum des Films seinen Ursprung hat und dadurch nur ein Produkt der Einbildungskraft ist.
Ihre Bilder wirken auf den ersten Blick oft eher wie Schnappschüsse, doch sind sie immer konstruiert und komplex aufgebaut. Jede ihrer Arbeiten ist ein Konstrukt aus Erinnerung, Traum und Erfindung.
Seit dem Jahr 1997 arbeitet Cindy Sherman auch als Regisseurin, was für sie eine zunächst ungewohnte Aufgabe darstellte: „Viele Leute denken wohl, Filmemachen müsse für mich so etwas wie eine natürliche Entwicklung sein, weil meine Photos so viel mit Film zu tun haben. Aber mir liegen Dinge wie die Sprache, das Erzählen und der Dialog überhaupt nicht“, berichtet die Künstlerin selbst.“
Office Killer, ihr Kinofilm der im Jahr 1997 auf dem fünfzigsten Internationalen Filmfestspiel in Locarno präsentiert wurde, überzeugte trotz ihrer Vorbehalte die Kinobesucher.

Das Werk von Cindy Sherman spiegelt verschiedene Aspekte wieder, die zwischen Bild und Fotografie, die Rolle von Man und Frau, Maske und Gesicht, Spiel und Ernst, Theater und Realität, Schrecken und Schönheit liegen. Der Betrachter muss mit jedem Blick auf das Werk erneut entscheiden, was er fühlt, sieht und interpretiert. Es scheinen die Grenzen zwischen Erotik und Erstarrung, Sexualität und Tod nahezu transparent zu sein.
Das Kunsthaus Bregenz zeigt in einer Retrospektive mit über 250 Werken, die erste große Einzelausstellung der Künstlerin in Österreich.
Präsentiert werden alle Schaffensperioden von den frühen Fotografien der Jahre1970 bis hin zur aktuellen Clown-Serie der Jahre 2003 und 2004.
Cindy Sherman bedarf zur Umsetzung ihres Ichs unzählige Ausführungen. Das bisherige Werk von Cindy Sherman könnte man als ein Versuch deuten, in
jedem einzelnen Bild einen Aspekt ihrer Selbst darzustellen.
Alle Bilder zusammengefasst würden Cindy Shermans Selbst sein. Jedes einzelne Bild wäre dabei wie ein Puzzleteil, was auch die chronologischre Reihenfolge ihrer Arbeiten erklären könnte.